Ein unvollständiges Team

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Ein unvollständiges Team

23.06.2022 - 13:30

Die TOUR Transalp ist ein knallhartes Etappenrennen, das sieben Tage lang körperliche Höchstleistungen abverlangt. Als klassischer Teamwettbewerb ist es bei solch einem Abenteuer wichtig, gut mit seinem Partner oder seiner Partnerin zu harmonieren. Beim Duo aus Wolfgang und Erich ist ein perfektes Zusammenspiel besonders wichtig.

Als ich ihn frage, wann und vor allem wie der Unfall passiert sei, hebt Wolfgang seinen Arm und deutet mit einem Nicken auf das große Tattoo, dass sich über seinen durchtrainierten Bizeps erstreckt und in dem der rote Blitz sofort ins Auge sticht. Bei einer Jugendunsinnigkeit sei das Unglück geschehen. „Hochspannungsunfall“, sagt Wolfgang, als sprächen wir über das Wetter. Auf meinen unbeholfen fragenden Blick hin erzählt er ausführlicher. „Ich war sechzehn. Ich bin mit meinen Freunden auf Zugwagons geklettert, um von einem zum anderen zu springen. Einmal war der Sprung zu hoch und ich habe die Hochspannungsleitung erwischt. Dabei hat es mir den Arm und ein paar Zehen zerfetzt.“ Mit einem Grinsen befreit er sich von seinem Schuh und zeigt mir das Verbliebene seines Fußes. „Ich brauche zwei verschieden große Radschuhe“, fügt er grinsend an. Doch auch den linken Arm hat Wolfgang bei dem Unfall verloren. Man möchte glauben, er bedauere diesen Verlust mehr. Doch Wolfgang verrät: „Wenn ich mir einen Teil aussuchen dürfte, den ich zurückbekäme, dann wären es meine Zehen. Dann könnte ich lange wandern gehen. Das geht so leider nicht“, sagt er, ohne dass sich ein Anzeichen von Wut oder Trauer in seinem Ausdruck finden lässt.

Und Erich? „Bei mir war es ein Motoradunfall. 2001.“ Er verlor dabei neben seinem rechten Arm auch einen großen Teil seines linken Beins. Er habe diesen enormen Lebenseinschnitt schnell akzeptiert. „Die ersten Tage war es schlimm. Wirklich schlimm. Aber am vierten Tag bin ich morgens aufgewacht und dachte: Es ist okay. Ich kann und werde damit leben.“ Bei Wolfgang war das anders. Er verlor sich vier Jahre lange im Alkohol, nahm zu, wog schließlich mehr als 100 Kilogramm und ließ sich gehen. Erst die Suche nach einem Job, nach einem Ziel, war es, die ihn neuen Mut fassen ließ und ihn zurückbrachte ins Leben. Zum Radsport allerdings fanden Beide erst Jahre nach ihrem Unfall.

Doch es ist nicht allein die Tatsache, dass sie beide Amputationen von ihren Unfällen davongetragen haben und sich ausgezeichnet verstehen, was sie verbindet. Beinahe beiläufig erwähnt Erich, dass der Unfall bei beiden am selben Tag geschehen sei. „Nicht im selben Jahr, aber wir hatten unseren Unfall beide am 13. April.“ Prompt schießt es aus mir heraus: „Aber nicht an einem Freitag.“
„Doch“, nickt Erich. „Bei mir schon. Es war Karfreitag.“ Mir ist komisch zumute. „Das verbindet uns schon noch einmal mehr“, unterbricht Wolfgang meine Grübeleien.

Doch auch wenn die beiden ihr Schicksal eint, so sind ihre Unterschiede – in Bezug auf ihre TOUR Transalp-Teilnahme – doch sehr groß. „Unsere Handicaps sind natürlich sehr unterschiedlich“, sagt Erich. „Während Wolfgang seine Beine hat, mit denen er nicht nur mehr Kraft aufbringt, sondern auch vieles ausgleichen kann, habe keine Möglichkeit, Erschütterungen auszugleichen und muss die meiste Kraft mit meinem gesunden Bein aufbringen.“ Gerade einmal 20% Kraft kann Erich aus seinem verbliebenen Oberschenkelmuskel herausholen. Durch seine am Lenker fixierte Armprothese kann er sich im Falle eines Sturzes nicht vom Rad lösen. Zusätzlich ist seine Beweglichkeit auf dem Rad sehr beschränkt. Erich kann nicht in den Wiegetritt gehen, niemals die Position verändern, um sich zu entspannen. „Manchmal tut mir der Hintern so weh, dass wir pausieren müssen.“ Um überhaupt Rad fahren zu können, erfordert großen Fleiß, viel Schweiß und starken Willen. Erich und Wolfgang müssen ausgiebige und regelmäßige Rumpfstabilitätsübungen absolvieren, um sich überhaupt auf dem Rad halten zu können.

Wolfang, der sich gegen eine Befestigung am Rad entschieden hat und demzufolge durchweg einhändig fährt, ist der anführende Pol bei den Beiden. Allerdings nicht, was das Tempo betrifft, das bestimmt Erich. Wolfgang aber fährt immer ein Stück voraus, um die Strecke zu checken und seinen Teampartner bei gefährlichen Stellen zu warnen. „Wenn zum Beispiel eine scharfe Kurve kommt oder ein Schlagloch, dann rufe ich ihm das zu, damit er rechtzeitig abbremsen kann“, erklärt Wolfgang. Wenn Erich seine Flasche wechseln muss oder er etwas essen möchte, muss er anhalten. „Dann fahre ich ein weites Stück nach vorn und warte mit geöffnetem Riegel oder einer neuen Flasche auf Erich“, erklärt Wolfgang ihren Tagesablauf während des Rennens.

Die Beiden leisten während ihrer Teilnahme an der TOUR Transalp Unglaubliches! Aber das, und das ist ihnen wichtig, sei nichts Einzigartiges. „Jeder kann mit einem Handicap noch immer ganz ganz viel machen“, sagt Erich bestimmt. Wolfgang fügt an: „Manche kommen aus ihrem Loch nicht wieder heraus. Wir wollen zeigen, dass alles möglich ist. Auch mit Handicap.“

Warum haben sie sich gerade für die TOUR Transalp entschieden? „Sieben Tage am Stück über die Alpen fahren. Das ist eine riesige Herausforderung“, sagt Wolfgang. „Es gibt europaweit nichts Vergleichbares.“Auch Erich hat sich wegen dieser Herausforderung für das siebentägige Etappenrennen entschieden. Doch vor allem wolle er Spaß haben. Bei dieser Aussage schiebt sich ein Grinsen über das Gesicht seines Betreuers. „Und?“, grinst dieser. Hattest du heute Spaß?“ Als Erich nur mit einem Lachen antwortet, wiederhole ich die Frage und füge an: „Wie war es denn am Stilfser Joch?“

„Da hatte ich keinen Spaß. Da habe ich mich jeden Meter vorangequält“, gibt Erich zu und Wolfang berichtet, er habe echt Angst gehabt, Erich würde da hinauf umfallen und es nicht schaffen. „Aber dass er es dort hinauf geschafft hat, war das größte Highlight bisher“, nimmt Wolfgang die Beantwortung meiner geplanten Frage vorweg. Und weitere Höhepunkte? „Dass wir hier als Team zusammenfahren und alles so gut harmoniert“, sagt Wolfgang glücklich. Erich nickt.

Zum Abschluss erwähne ich, dass mich ihre lockere Weise, mit ihrem Handicap umzugehen beeindrucke. „Man muss sich unbedingt den Humor beibehalten. Man entwickelt mir der Zeit auch seinen ganz eigenen Witz“, erklärt Erich und Wolfgang stimmt sofort lächelnd ein: „Zu Weihnachten schenke ich Erich meinen linken Handschuh und er mir seinen rechten. Jetzt können wir uns endlich ohne schlechtes Gewissen richtig teure Handschuhe kaufen.“ Wir lachen beherzt und unterhalten uns nach dem eigentlichen Interview noch lange. Über ihre Paralympischen Wettbewerbe, bei denen vor allem Wolfgang viele Medaillen mit nach Hause genommen hat. Über die Funktionsweisen der Prothesen – Erich reist während der TOUR Transalp mit drei Beinen im Gepäck, wie er mir lachend verrät. Über die wirklich wichtigen Dinge im Leben, die man nach solch einem Unfall viel intensiver (er)lebt. Über Gleichberechtigung, über Schicksal, über Selbstverwirklichung. Alles zusammenzufassen, was ich in diesem Gespräch erfahren und dabei empfunden habe, braucht ein ganzes Buch.

Wenn ihr alles über Wolfgangs berührende Geschichte erfahren wollt, dann kauft euch unbedingt sein Buch ‚Der einarmige Bandit‘.